Zeit vergeht
Ein Brief an meine Enkeltochter

Ich würde gerne wissen…
Liebe Emina, wie du dich bei deiner Geburt gefühlt hast.
War es kalt um dich herum? Was hast du als Erstes entdeckt? Ich weiß, du wurdest sehnsüchtig erwartet und willkommen geheißen. War es Stress für dich? Raus aus Mamas warmer Geborgenheit.
Hat man dir ein warmes weiches Tuch gegeben, damit du dich weiterhin geborgen fühlst? Hast du immer noch die Herzschläge deiner Mama gespürt?
Nach deinem Eintritt ins Leben – hast du in Mamas und Papas Augen geblickt? Was wolltest du ihnen sagen?
Damals haben beide deine Blicke noch nicht verstanden, nicht lesen können. Das sollten sie erst später lernen – und dieses Lernen hört nie auf.
Hast du gelächelt und die Freude deiner Eltern über deine Ankunft im Leben gesehen? Was ist der Sinn deines Lebens? Ich kann dir heute antworten: Sein!
Es gibt deine liebevollen Eltern und andere Menschen, die sich um dich kümmern und dich immer vor Vielem beschützen. Das Leben ist ein Geschenk! Wir nehmen es an, so wie es uns gegeben wurde.
Zitat aus: Hang Kang „Griechisch Stunden“, Aufbau Verl., 3, Aufl., 2024, S. 61 ff.
„Als sie noch sprechen konnte, kam es vor, dass sie ihren Gesprächspartner einfach nur anstarrte, anstatt mit ihm zu reden. Sie schien zu glauben, ihr Blick könne genau das ausdrücken, was sie zu sagen hatte. Sie grüßte, bedankte und entschuldigte sich mit den Augen und nicht mit Worten. Sie war der Ansicht, kein Kontakt könne so direkt und klar verständlich sein wie ein Blick. Für sie war das, abgesehen von einer Berührung, der einzige Weg zu kommunizieren.
Verglichen damit machte ihr Sprache wahnsinnige körperliche Mühe. Die Lungen, die Stimmbänder, Zunge und Lippen mussten in Aktion treten, bevor man durch Verwirbelung der Luft den Gesprächspartner erreichte. Dabei wurde der Mund trocken, weil durch die geöffneten Lippen feinste Tröpfchen von Speichel schossen.
Immer wenn dieser physische Prozess für sie unerträglich wurde … 1 [schrie sie lauthals, zum Erschrecken ihres Gesprächspartners. Sie spuckte den Speichel, der sich in ihrem Mund sammelte, als Wortfetzen heraus. Diese Art der Kommunikation wurde immer als „unangemessenes Verhalten“ beschrieben und verurteilt. Man versuchte, es ihr abzugewöhnen, es zu verbieten, es zu regulieren, es zu unterbinden, zu untersagen …. Kann man Sprache verbieten? Ist das möglich? Hat denn niemand ihre Art zu sprechen verstanden?]“
Was ist das Maß aller Dinge? Wie gewöhnt man einem Hund das Bellen; einer Katze das Miauen ab? Wie spricht man mit jemandem, der eine andere Sprache spricht? Chinesisch, japanisch?
Pirahã – alles Abstrakte lehnen die Pirahã ab. Quelle: Wikipedia, 01/26
Und genau das zeigt sich in ihrer Sprache: Es gibt keine Nebensätze und keine Zahlen – alles ist entweder eins oder viele. Farben kennen die Pirahã ebenfalls nicht, sie unterscheiden zwischen hell und dunkel. Wörter für gestern oder morgen gibt’s auch nicht, denn die Pirahã leben im hier und jetzt. Vielleicht ist das ja auch genau das, was wir von den Pirahã lernen können.
Du wurdest zum Schweigen verurteilt gepaart mit Bestechung.
Hat man denn dein Lächeln übersehen oder missachtet, wenn das von dir Gesagte bei deinem Gegenüber Reaktionen gezeigt hat: Mimik und Gestik. Das verstehst du sehr gut – Gesichter lesen. Worte kommen bei dir nicht an, weil sie nicht deine Art der Kommunikation sind.
Zitat Hang Kang, S. 65
„… Ihr Körper verrät unmerklich etwas über den Zustand eines Menschen, der schon seit Langem das Sprechvermögen verloren hat. Der Gang, die Hand- und Armbewegungen, die Rundungen ihres Gesichts und ihre Schultern grenzen sich klar von der Umgebung ab. Nichts verlässt ihren Körper, nichts dringt in ihn ein. Sie hatte nie die Angewohnheit, sich im Spiegel zu bewundern, auch jetzt verspürt sie kein Bedürfnis. Das eigene Gesicht kann man im Allgemeinen am besten zeichnen, denn man stellt es sich häufig vor. Trotzdem passiert es, dass ihr Antlitz ihr fremd ist, da sie es sich nie in ihr Gedächtnis ruft. Wenn sie es einmal durch Zufall in einem Spiegel sieht, kreuzen sich ihre Blicke. Die klaren Augen sind für das Bindeglied zu diesem fremden Gesicht.“ … 2 [Sie kennt ihr ICH nicht. Es kommt nie über ihre Lippen.]
Gerade deswegen und aller Unwägbarkeiten, Unvorhersehbarem, Gefahren, Hürden die wir nehmen müssen – liebe ich dich.
Deine Oma
1 und 2 eingefügt aus eigenem Erleben.